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Basel III: Wie groß sind die Auswirkungen auf Wirtschaft und Finanzsystem? zurück

Dr. Karl Sevelda, Vorstandsdirektor Raiffeisen Bank International, im Gespräch

 Dr. Karl Sevelda, stellvertretender Vorstandsvorsitzender Raiffeisen Bank International Basel III, das neue Regelwerk für das Finanzsystem, soll schrittweise ab dem Jahr 2013 in Kraft treten. Schon jetzt gibt es darüber viele Diskussionen. Wir sprachen mit Dr. Karl Sevelda, dem zuständigen Vorstandsdirektor der Raiffeisen Bank International.

Herr Dr. Sevelda, Basel III ist in der Finanzwelt in aller Munde. Was bedeutet das Regelwerk für die Banken und die Wirtschaft? 

Dr. Sevelda:
Basel III zielt darauf ab, das weltweite Finanzsystem stabiler zu machen, es also insgesamt für Krisen weniger anfällig und Banken gegen Stresssituationen resistenter zu machen. Im Kern sieht Basel III verschärfte Eigenkapitalvorschriften für Banken vor, sowohl betreffend die Höhe des Eigenkapitals, und hier sprechen wir von einer deutlichen Erhöhung im Vergleich zum heutigen Stand, als auch dessen Qualität. Dass das auch Auswirkungen auf die Realwirtschaft haben wird, ist ganz klar. Banken werden zusätzliches Kapital aufnehmen und dieses Kapital ertragsorientiert und effizient bewirtschaften müssen, um auch für ihre Geldgeber weiterhin attraktiv zu bleiben. 

Weiters soll die Verschuldung von Banken, die so genannte Leverage Ratio, begrenzt und die Liquiditätsanforderungen an Banken neu gestaltet werden. Liquidität ist übrigens ein Thema, das in der öffentlichen Diskussion zu Basel III oft unerwähnt bleibt. Aus den neuen Liquiditätsvorschriften erwarten wir aber ebenfalls starke Effekte. Beispielsweise werden Unternehmensanleihen nur mehr mit bester Bonität als so genannte "high quality liquid assets" angerechnet, während Unternehmenskredite, selbst bei noch so guter Bonität des Kunden, völlig unberücksichtigt bleiben. Damit steigen der Liquiditätsbedarf und die Kosten für Banken.

Basel III wird in der Wirtschaft vor allem deswegen heiß diskutiert, weil negative Auswirkungen auf die Kreditvergabe befürchtet werden. Sind diese Ängste berechtigt? 

Dr. Sevelda: Es ist klar, dass Kreditgeber und Kreditnehmer in einem Boot sitzen. Es wäre unrealistisch anzunehmen, dass umfassende neue Regeln für das Finanzsystem nicht auch entsprechende Auswirkungen auf alle Teilnehmer des Systems haben. Offen ist natürlich die Frage, wie groß diese Auswirkungen sind. Und gerade diese Frage ist nicht leicht zu beantworten, da die Vorschriften derzeit noch auf EU-Ebene diskutiert und daher nicht endgültig sind. Außerdem können die Auswirkungen nicht pauschal quantifiziert werden, da die Effekte bei den einzelnen Banken unterschiedlich sein werden, abhängig von den bereits vorhandenen Eigenmitteln, dem Geschäftsmodell der Bank und anderen Faktoren.
 
In diesem Zusammenhang muss ich kritisch anmerken, dass derzeit leider auch Studien, die die Auswirkungen kumulativer Effekte verschiedener Regulierungen wie Einlagensicherung und Bankensteuern auswerten, fehlen. Diese Studien brauchen wir aber, um die Effekte auf die Banken und die Realwirtschaft beurteilen zu können und überprüfen zu können, ob das gewünschte Ziel tatsächlich erreicht werden kann.

Werden die Banken angesichts von Basel III das Kreditvolumen reduzieren? Anders gefragt: Werden Kredite teurer? 

Dr. Sevelda: Dazu gibt es derzeit nur viele Vermutungen und wenige Studien. Bei einer Studie des IHS (Institut für höhere Studien, Anm.) im Vorjahr wurden die Auswirkungen auf die österreichische Realwirtschaft untersucht. Diese legten als Szenarioannahmen als Reaktion auf die strengeren Eigenkapitalvorschriften für Banken einen Rückgang des Kreditvolumens von 10 Prozent bzw. 20 Prozent zugrunde. Gleichzeitig gibt es Meinungen, dass Banken alleine aufgrund des erwarteten Ertragsdrucks zur Verzinsung des gestiegenen Eigenkapitals das Kreditvolumen ausweiten oder zumindest halten müssen.

Viel wird dann auch vom wirtschaftlichen Umfeld wie der Investitionsfreude der heimischen Unternehmen abhängen. Betreffend die Konditionen in einigen Jahren lassen sich noch keine seriösen Aussagen treffen. Es wird sich am Markt zeigen, ob überhaupt, und wenn ja, welcher Anteil der durch die neuen Vorschriften entstehenden Kosten weitergegeben werden kann. Keine Bank agiert schließlich allein am Markt. Neben Kapitalanforderungen aus Basel III gibt es aber auch andere Faktoren, die auf Kreditkonditionen wirken. Betrachten Sie nur die aktuellen Risikoaufschläge auf den Märkten oder die Refinanzierungskosten für Banken.

Besonders Klein- und Mittelunternehmen (KMU) sehen den Auswirkungen von Basel III sehr skeptisch entgegen. Sie befürchten, notwendiges Kapital nicht auf dem Kapitalmarkt besorgen zu können. Wie sollen sich KMU in Zukunft verhalten? 

Dr. Sevelda: Österreichische KMU haben traditionell eine sehr geringe Eigenmittelquote und sind mehrheitlich über Fremdkapital finanziert. Sie werden also von Basel III mehr betroffen sein als Großunternehmen, das war ja auch schon bei Basel II der Fall. Großunternehmen werden sich verstärkt über den Kapitalmarkt finanzieren, der für die Mehrheit der KMU nicht offen steht. Unter Basel III wird der Preis eines Kredits noch stärker als unter Basel II unter dem Gesichtspunkt des Risikos, sprich der Bonität des Betriebs, stehen. Um die gestiegenen Kapitalanforderungen zu erfüllen, müssen Banken mehr Risikopolster schaffen und somit Kapital binden. Damit wird Kapitaleffizienz und Optimierung für Banken wichtiger, und gleichzeitig gewinnen die Themen Rating und Sicherheiten für die Finanzierung an Bedeutung. Ich hoffe, dass Basel III auch als Chance gesehen und zum Anlass genommen wird, das Thema Kapitalmarkt für den Mittelstand seitens der Politik neu zu diskutieren und attraktiver zu machen. Davon würden alle profitieren, insbesondere kleine innovative Unternehmen und Start-ups.

Erwarten Sie einen Aufwind für alternative Finanzierungsquellen wie Leasing oder Factoring? 

Dr. Sevelda:
Ja, alternative Finanzierungsformen werden wichtiger. Klar ist aber auch, dass es sich hier immer nur um Ergänzungen der klassischen Finanzierung und nicht um einen Ersatz dafür handeln wird. Leasing und Factoring sind zwei Finanzierungsformen, die aus unterschiedlichen Gründen interessanter werden. Factoring ist nicht nur als Finanzierungsquelle sinnvoll, sondern bietet den Vorteil der professionellen Abwicklung der Forderungen durch einen Spezialisten, was das Risiko für den Lieferanten reduziert. Leasing bietet heute viel mehr Spezialisierung als noch vor zehn Jahren. Denken Sie nur an die Klimaschutzinitiative der Raiffeisen Leasing, wo Spezialisten gemeinsam mit den Kunden die Finanzierung gestalten und das ganze Förderwissen einbringen. Leider bleiben aber hier noch immer viele "Töpfe" ungenutzt. Neben diesen beiden Speziallösungen empfehle ich aber auch andere Alternativen wie Mezzaninkapital, Mittelstandsfonds und ähnliche Wege zu prüfen. Der erste Schritt sollte jedoch immer sein, die Möglichkeiten der Innenfinanzierung, also beispielsweise über die Freisetzung von gebundenem Kapital, zu überprüfen.

Wir danken für das Gespräch.

April 2011